Zum Stück
Der Kirschgarten von Tschechow
Die Zeit ist Tschechows Gegenwart, also etwa die Jahrhundertwende: das Stück entstand im Jahre 1903, zwei Jahre vor der Revolution (es unterliegt keinem Zweifel, dass Tschechow diese für notwendig und wünschenswert gehalten hat). Das Stück ist geradezu ein Exempel über die alte und die neue Zeit . . . Der Kirschgarten gehört zu einem alten Adelsgut. Die Besitzerin lebt seit Jahren im Ausland. Jetzt wird sie daheim zurückerwartet. Das Geld, von dem sie seit dem Tod ihres Mannes, eines Rechtsanwalts, und ihres kleinen Jungen – sie hat beide im selben Jahr verloren – gelebt hat, ist aufgebraucht. Das Gut, auf dem ihr Bruder lebt, ist verschuldet: es soll demnächst versteigert werden. Es gibt einen praktischen Mann, Bauernsohn, der es zu etwas gebracht hat: von ihm stammt die Idee, wie die Herrschaften aus ihrer Misere herauskommen könnten. Man müsste das Land parzellieren, die Lage am Fluss und nahe der Bahn ist günstig, für Villengrundstücke wird gute Pacht gezahlt. Natürlich müsste das alte Herrenhaus abgerissen und der Kirschgarten abgeholzt werden . . . Allein diese Vorstellung lässt den Plan unerträglich erscheinen. Man wird schon einen Ausweg finden. Da ist die reiche Tante, die Tochter könnte eine gute Partie machen... Aber am Tag der Auktion platzen die Illusionen. Das Gut ist verkauft. Es wird ein wenig Geld übrigbleiben, wenn die Schulden bezahlt sind; doch lange wird es nicht reichen.Der neue Besitzer ist der Mann, der die Idee hatte: jetzt wird sie verwirklicht. Während die alten Herrschaften für immer Abschied nehmen vom Herrenhaus und dem Kirschgarten fallen bereits die ersten Axthiebe . . .
Siegfried Melchinger