Zum Stück
«Floh im Ohr» von Georges Feydeau
Ein Meisterwerk der Boulevard-Komödie aus der Zeit der Belle Époque
Raymonde: Ich habe im Grunde ja nichts gegen Betrügen, aber dass er gerade mich betrügt, das geht mir doch zu weit.
Victor-Emmanuel und Raymonde Chandebise sind glücklich verheiratet. Die eheliche Idylle wird jedoch gestört, als Raymonde eines schönen Tages ein Päckchen mit den Hosenträgern ihres Gatten Victor-Emmanuel in der Post findet. Der Absender ist ein Hotel von zweifelhaftem Ruf, was Raymonde dazu veranlasst, ihren Mann des Ehebruchs zu verdächtigen. Um Gewissheit zu bekommen, lockt sie Victor-Emmanuel mit Hilfe ihrer Freundin Lucienne in das besagte Etablissement und löst so eine Kette von komischen Verwechslungen und Verwicklungen aus. Zur heiteren Verwirrung tragen der sprachgestörte Neffe Camille, ein Hoteldiener der Herrn Chandebise zum Verwechseln ähnlich sieht, ein skurriler Onkel des Hotelbesitzers, ein verrückter Hotelgast und Luciennes eifersüchtiger Ehemann Carlos Homenidés de Histangua bei.
Georges Feydeau wird aufgrund seiner brillanten Dialogführung und perfekter slapstickartiger Situationskomik neben Molière als größter Komödienschreiber Frankreichs gefeiert und gilt als schillernder Vertreter der Belle Epoque. Seine Komödie „Floh im Ohr“ spiegelt die frivole ausgelassene Zeit der Jahrhundertwende wider und zeigt auf humorvolle Weise eine doppelgesichtige Gesellschaft mit ganz eigenen Moralvorstellungen.
Die gutbürgerliche Raymonde Chandebise wird von Eifersucht geplagt. Um herauszufinden, ob ihr Gatte Victor-Emanuel ihr fremdgeht, überredet sie ihre Freundin Lucienne, dem Verdächtigen einen Liebesbrief zu schreiben. Anonym und handschriftlich. Es ist eine Einladung in ein Rotlicht-Hotel. Dort wird sie ihn dann selbst erwarten und entlarven. Aber Victor-Emanuel vermutet eine Verwechslung. Nicht er, sondern sein Freund Tournel muss der Adressat des Briefes sein. Tournel seinerseits ist der heimliche Liebhaber von Raymonde, seiner Frau. Und als auch noch Luciennes Ehemann, der hitzige Carlos Homenides de Histangua die Handschrift seiner Frau erkennt...
Das Stück erzählt von einer bürgerlichen Scheinheiligkeit, die die Tabus nur dann verletzt, wenn niemand es sehen kann. Die Figuren sind Getriebene von einer einmal etablierten Unwahrheit zu immer aberwitzigeren Flucht- und Vertuschungsmanövern gehetzt.
Ihre Angst, dass die Regelverletzung entdeckt werden könnte, begründet jenen für Feydeau charakteristischen, irrsinnigen Farcen-Mechanismus: permanent muss auf neue Situationen reagiert werden und neue Ausreden und Lügen müssen erfunden werden. Nirgendwo auf dem Theater ist je so ausführlich, so dreist und pausenlos gelogen worden, wie in den Stücken von Feydeau. Dadurch kommen die Figuren nie dazu, über ihre Ordnung und Moral, die sie sich selbst geben, aber immer wieder unterlaufen, einmal nachzudenken.
In einer Gesellschaft deren oberstes Prinzip Triebunterdrückung und Heimlichtuerei ist, kommt es zwangsläufig zu Entmenschlichung.
In der Zeit, in der Feydeau lebte, glaubte man sich sicher und die Gesellschaft hat sich selbst als Belle Epoque definiert. In Wahrheit war sie mit einem Bein noch auf den Gräbern einer niedergeschlagenen Revolution und mit dem andern Bein schlitterte sie bereits in den ersten Weltkrieg, der ihre Interessen zur Explosion brachte. Das wollte man nicht sehen. Selbstbetrug und Lügen waren Prinzip.
Wie sehr wünschen wir uns heute eine „heile Welt“ herbei. Verteidigen die Existenzform Ehe auch da, wo sie längst schon entleert ist. Akzeptieren überissene Bonis durch Stillschweigen oder Wegschauen und wollen lieber in Ruhe gelassen werden als uns mit der Ausländerfeindlichkeit unseres Landes, der Wirtschaftskrise und dem Gazastreifen auseinanderzusetzen. Unser Wunsch nach einer klaren berechenbaren Ordnung, ist Symbol eines gesellschaftlichen Prozesses, der Abschweifungen, Fragen und Unsicherheiten nicht zulässt. Entmenschlichung ist die Folge.
Quellenhinweis: «Das grausame Bild vom Bürger, über das der Bürger lachen kann.» Von Ernst Wendt