Zum Stück
«Geschichten aus dem Wienerwald» von Ödön von Horváth
Das Handlungsgerüst ist trivial: Marianne ist von ihrem Vater, dem Inhaber der Scherzartikelhandlung «Zum Zauberkönig», dem Fleischermeister Oskar versprochen; die beiden sind Nachbarn und kennen sich seit ihrer Kindheit. In der Woche vor der offiziellen Verlobung aber verliebt sich Marianne in den Stritzi Alfred, dem sie zumindest nicht gleichgültig ist. Auf der Verlobungsfeier im Wienerwald kommt es zum Eklat, der Vater verstösst seine missratene Tochter. Nach einem Jahr treffen wir Alfred und Marianne, unterdessen mit Kind, in einem armseligen möbilierten Zimmer an, Alfred ist ihrer überdrüssig. Er drängt sie, das Kind zu Mutter und Grossmutter in die sonnige Wachau zu geben und einem Erwerb nachzugehen, worauf er sie verlässt. Sie produziert sich in einem Nachtlokal, begeht einen Diebstahl und kommt ins Gefängnis. Gebrochen kehrt sie in die Stille Strasse zurück und versöhnt sich mit ihrem Vater. Der Bräutigam hat in der Zwischenzeit auf sie gewartet, und als das Kind gestorben ist, nimmt er sie, als wäre nichts geschehen, zur Frau. – Ende gut, alles gut? Die im Zeichen des Profits durchrationalisierte Gesellschaft beseitigt systematisch alles Lebendige, denn sie vermag ihrem Prinzip gemäss (Reduktion auf Quantität) nur Totes zu integrieren.
Sie begegnet dem noch lebendigen Menschen als übermächtiger Apparat, dem er hoffnungslos ausgeliefert ist, der ihn früher oder später verschlingt. Solidarität der Menschen untereinander und zur übrigen Kreatur, Liebe, Hilfsbereitschaft und gegenseitige Rücksichtnahme: unter den Bedingungen dieser Gesellschaft ist dafür kein Raum; sie sind anzutreffen nur da, wo einzelne diesen Bedingungen sich zu widersetzen suchen. Das menschliche Verhalten gleicht sich den gesellschaftlichen Bedingungen an. Es ist aggressiv und berechnend. Es resultiert daraus die «kleinmenschliche Raubtierschaft» (Herbert Ihering, Kritiker). Ein Nährboden für nationalsozialistische, rassistische, nationalistische Strömungen gestern wie heute.