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«Hochzeit» von Elias Canetti
Die uralte Hausbesitzerin, ihre Enkelin und ein Papagei sind die Figuren des ersten Bildes.
Die Enkelin kommt ihre Grossmutter besuchen, sie hofft bald das Haus von ihr zu erben. Der
Papagei hat nicht sehr viel zu sagen, aber was er sagt, ist wichtig, er schreit immerzu: «Haus, Haus, Haus.» Die andern Bewohner sind ein Lehrer und seine Frau mit ihrem gemeinsamen Säugling, die gern das Haus für ihr Kind sichern möchten; ein Liebespaar, das keines ist, weil der junge Mann es ernst meint; ein Geschäftspaar, das auf den Grund dieses Hauses spekuliert und sich aus Gier darauf in eine echte Liebesszene hineinredet; und der Hausbe-besorger, der seine sterbende Frau nicht zu ihrem letzten Wort kommen lässt, weil er an ihrem Bett sitzend immerzu für sie betet. Der Hauptakt: Der Brautvater ist ein Oberbaurat, er hat dieses Haus erbaut, er glaubt, dass es für die Ewigkeit steht, wie die Ehe seiner Tochter. Die Gesellschaft ist betrunken. So nahe sie sich sind, es weiss doch eigentlich keiner etwas vom anderen. In dieses Chaos wird plötzlich Richtung gebracht. Ein Gast schlägt ein Spiel vor: Gesetzt, das Haus wäre von einem Erdbeben bedroht, was täte jeder der Anwesenden hier für seinen liebsten Menschen?

Alles lebt sich nun in dieses Spiel ein; der Reihe nach nennt jeder unter den Anwesenden den, der ihm am liebsten ist, - es ist nicht immer der, den man erwartet. Der Reihe nach sagt dann jeder, was er für sein Liebstes täte, wenn die Katastrophe käme und das Haus am Einstürzen wäre. Aber aus dem Spiel wird Ernst. Der Letzte hat noch nicht ausgesprochen, als das Haus zu schwanken beginnt, das Erdbeben ist da, - vielleicht durch das Spiel der Menschen heraufbeschworen. (E. Fried)

Das Besitzdenken beherrscht die Menschen so, dass zwischenmenschliche Beziehungen nicht mehr möglich sind. Keiner der Hochzeitsteilnehmenden gehört zu jemand, und je mehr diese machtgierigen Bürger «Familienleben» praktizieren, die «Ehe» hochhalten und «Hochzeit» feiern, um so deutlicher wird, dass niemand verpflichtende Bindung anerkennt und nur noch auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist. Die Menschen betrachten einander ausschliesslich als Objekte, die es zu besitzen gilt. Die Katastrophe am Ende von «Hochzeit», der Einsturz des Hauses, drückt das Urteil aus, das Canetti über diese Gesellschaft fällt. Er betrachtet sie als reif für den Untergang. (K. Völker)

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