Zum Stück

«Jeanne oder die Lerche» von Jean Anouilh
Vorgeführt wird die Geschichte der Jungfrau von Orléans (1431 in Rouen verbrannt und 1920 heiliggesprochen) als bewusstes Spiel: die Darsteller in angedeuteten historischen Kostümen, Johanna in neutraler Männerkleidung, erwarten, auf Bänken sitzend, ihren Auftritt. Während des Prozesses in Rouen werden die wichtigsten Stationen aus dem Leben Johannas dargestellt. Als sie verurteilt ist und der Scheiterhaufen schon brennt, erinnert man sich, dass man den Höhepunkt ihres Lebens nicht gezeigt hat und holt ihn als «das wahre Ende der Geschichte unserer Jeanne» nach: die Krönung von Reims – «das ist die Lerche hoch im Himmel, das ist Jeanne zu Reims in ihrem Glanz und Ruhm . . . Das wahre Ende der Geschichte Jeannes ist fröhlich». Soviel Ironie hier mitschwingen mag, auf eine unbeschreibliche, fast unbegreifliche Weise fröhlich ist das ganze Stück, eine Legende des Lächelns und des Lachens, selbst dort, wo Bitterkeit und Trauer das Geschehen bestimmen. Der Zauber geht von Jeanne aus, dem schönsten der vielen unschuldigen Mädchen, die Anouilh auf die Bühne gebracht hat.

Sie ist nicht pathetische Heldin, nicht irrationale Heilige, nicht leidende Märtyrerin, sie setzt schon durch ihre schlichte Anwesenheit die Richter ins Unrecht – eine klare Stimme aus dem Herzen, die gegen die Stimmen der Ankläger darauf besteht, dass der Mensch das grösste Wunder Gottes ist: «Er stirbt rein und verklärt. Und lächelnd empfängt in Gott. Denn er hat zweimal wie ein Mensch gehandelt, indem er das Böse und das Gute tat. Und gerade für diesen Gegensatz hat ihn Gott erschaffen.» Indem Jeanne Mut hat zu sich selber, zu ihren «Stimmen», die ihre eigene Stimme ist, macht sie dem einzelnen Mut, gegen alle Mächte der Welt er selber zu sein. Mit dieser Jeanne spricht der dreiundvierzig-jährige Anouilh, der gelernt hat, das Böse als einen Teil des Menschlichen zu betrachten, und der den Weg vom Ekel vor der Welt zum Erbarmen auch mit dem erbärmlichsten
Menschen gegangen ist.

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