Zum Stück
Zum Stück «King Lear» von William Shakespeare
Der alte König Lear will sein Reich an seine drei Töchter verteilen. Den grössten Teil soll die-
jenige erhalten, die ihn am meisten liebt. Cordelia, die Jüngste, ist trotz ihrer Liebe zu ihrem Vater
zu einem Lippenbekenntnis nicht fähig. Der enttäuschte Vater enterbt und verstösst darauf seine
Lieblingstochter. Er teilt das Land unter den zwei andern Töchtern, Goneril und Regan, auf. Beide
jedoch behandeln ihn derart schlecht, dass er, dem Wahnsinn nahe, in die Heide flüchtet. Der Graf
von Gloucester bringt König Lear zu seiner verstossenen Tochter Cordelia. Weil er Lear half, wird
er auf Befehl Regans geblendet. Geführt von seinem einst verstossenen Sohn Edgar trifft der blinde
Gloucester auf den wahnsinnigen Lear. Von Cordelia gepflegt, erwacht Lear aus seinem Wahn und
erkennt die Wahrheit. Doch die Rivalitäten zwischen den Schwestern und deren Ehemännern nehmen kein Ende. Zuletzt stirbt König Lear neben der Leiche seiner ermordeten Tochter Cordelia.
Des Königs Wunsch, sich seiner Macht zu entledigen, und seine fehlende Menschenkenntnis
führen zur Katastrophe. Lear ist Opfer des unbegreiflichen Daseins. Ständiger Begleiter König Lears
ist der Narr. Je mehr das Stück voranschreitet, umso mehr wandelt es sich von der Tragödie zur
Groteske, zu einem Theater der Narren. Besonders in Zeiten grosser Erschütterungen, wenn die
Werteordnung ein Trümmerhaufen ist und wenn man ange-sichts der «Foltern der Welt» nicht mehr
an Gott, die Natur und die Geschichte appellieren kann, dann wird der Narr zur Hauptfigur des
Theaters. Er wird zum ständigen Begleiter des vertriebenen Herrschers, des vertriebenen Würden-
trägers und des vertriebenen Sohnes auf ihrer grausamen Wanderung durch die kalte Nacht, die
die Erde bedeckt und die endlos ist. Durch jene «kalte Nacht», die in Shakespeares «König Lear»
alle zu Narren und Irren macht.