Zum Stück
«Worte Gottes» von Ramón del Valle-Inclán
Eine Gesellschaft, gekennzeichnet durch die Kämpfe und Nöte von Menschen, die ganz an ihrem Rand leben, beherrscht von Armut und Aberglaube. Für sie gibt es kaum Hoffnung auf Erlösung, ausser wiederum blinde Unterwerfung unter eine unbekannte Macht, die sie nicht kennen will und sie ausbeutet. In «Worte Gottes» entbrennt eine erbitterter Kampf um den Besitz eines einzigen Gutes: eines schwachsinnigen Kindes, das auf einem Karren über Strassen und Wege von Jahrmarkt zu Jahrmarkt und von Fest zu Fest bei Sonne und Regen geschleppt wird, um wohltätige Gaben bettelnd. Die schmutzigste Habgier entfesselt sich um dieses unglückliche Wesen, als seine Verwandten versuchen, sich seiner zu bemächtigen, weil sie es für eine fabulöse Pfründe halten. Nach langen Streitereien, in denen Heuchelei und falsche Barmherzigkeit sie wie Marionetten tanzen lässt, gelangen die beiden zerstrittenen Parteien der Familie schliesslich zu einer Teilung des Karrens. Mari-Gaila einerseits und ihre Schwägerin Marica andererseits werden die Nutzniessung des Kindes an abwechselnden Tagen innehaben. Mari-Gaila, mit dem Kind von Jahrmarkt zu Jahrmarkt unterwegs, findet die Freiheit und mit ihr die Liebe, eine verbotenen und böse Liebe, personifiziert im Gevatter Miau.
Miau, ein verschlagener Abenteurer, offensichtlich der Klügste unter all den Herumtreibern, die ihn umgeben, sucht in der schönen Frau nicht nur die Fleischeslust, sondern auch die Ausbeutung der Einnahmequelle, die sie mit dem Karren besitzt. Inzwischen stachelt ihre Schwägerin Marica, die nicht ohne Grund befürchtet, ihres Anteils verlustig zu gehen, den Sakristan, ihren Bruder auf, den Ehebruch Mari-Gailas zu rächen. Aber Pedro Gaila ist zu schwach, um der Aufforderung seiner Schwester Folge zu leisten. Stattdessen sucht er Trost in einer blutschänderischen Liebe zu seiner Tochter Simonina. Der Landstreichen Miguélin, neidisch und verbittert, bringt es zustande, dass das unglückliche Kind, die Ursache aller Streitereien, während einer Sauferei in einer Kneipe zugrunde geht. Mari-Gaila kehrt nach Hause zurück, zur Resignation entschlossen. Sie ist bereit, ihr Elend wieder auf sich zu nehmen, und auf die genossene Freiheit und die Liebe, von der sie nur verstohlen naschte, zu verzichten. Erneut bricht in der Familie ein Streit darüber aus, wer die Beerdigung des Kindes bezahlen muss. Miau versucht, Mari-Gaila wieder zu gewinnen, auch wenn sie nicht mehr Besitzerin des Karrens ist. Er verabredet sich mit ihr, und im Schilf begegnen sie sich. Die viele Tage unterdrückte Lust vereinigt ihre Körper. Aber die Rachsucht Miguélins ist noch nicht besänftigt, und er schreit überall aus, was im Schilf vor sich geht.
Männer und Frauen machen sich mit Freudengeschrei auf, sie zu überraschen. Miau flieht, Mari-Gaila bleibt allein zurück, der Gnade und Ungnade der Meute ausgeliefert, die ihr die Kühnheit, nach Liebe und Freiheit gestrebt zu haben, nicht verzeiht. Mari-Gaila wird in einen wüsten Hexensabbat gerissen und nackt vor ihren betrogenen Ehemann geschleppt. Aber der Sakristan empfindet vor seiner schönen Frau nicht Zorn, sondern entbrennt in neuer Wollust zu ihr. Mit den biblischen Worten: «Wer von Euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein!»
Versucht er, sie den aufgebrachten Dorfbewohnern zu entreissen. Stattdessen bringt er sie nur noch mehr in Wut und wird noch schlimmer verhöhnt. Jetzt wird ihm plötzlich klar: Es sind nicht die schönen Wahrheiten des Evangeliums, die diese Menschen bewegen können, sondern nur die Worte, die Zaubermacht einiger Worte, deren genauer Sinn sie nicht kennen, deren Klang sie aber während ihres ganzen Lebens auf dem harten Weg des Verzichts und der Unterdrückung begleitet hat. Mit verzweifelter Wut schleudert ihnen der Sakristan die gleichen «Worte Gottes» noch einmal entgegen, die er vorher erfolglos gesprochen hat: «Qui sine peccato est vestrum, primus in illam lapidem mittat»
Nun schweigt der Pöbel und vergisst seine Wut, beherrscht von tausendjährigen Echo. Unterwürfig nimmt es eine Wahrheit an, die es nicht begreift, noch nie begriffen hat und wahrscheinlich nie begreifen wird. Der Ehebrecherin wird verziehen, und sie wird erhöht. Trotzdem bleibt sie Gefangene, angekettet bis ans Ende ihrer Tage in einer dunklen und lieblosen Welt, eifersüchtig bewacht von Aberglauben und tausend Dogmen, die niemand versteht und denen alle gehorchen. In einer Welt der «Worte Gottes».