Die Anfänge
Das Vorbild des 19. Jahrhunderts: «Thomas in der Bienen»:
Erste Theater wurde in Mörel bereits im 18. Jahrhundert aufgeführt. Zu einem ersten Höhepunkt wurde aber 1853 die Freihlichtaufführung des «Thomas in der Bienen» von Clemens Bortis. Laut Programmbüchlein fanden die Aufführungen mit Bewilligung des Staatsrates am 24. April und 8. Mai statt, bei schlechter Witterung am darauffolgenden schönen Tag. Das Spiel begann jeweils um 9.00 Uhr morgens und dauerte wie zur Zeit des Barock immer noch mehr oder minder bis zum Abend.
Die Spieler stammten aus der gesamten Pfarrei Mörel. Die Bühne wurde auf einer Wiese zwischen Furkastrasse und Rotten aufgeschlagen, die Zuschauer sassen wie üblich im Freien: Über dreihundert achtseitige Programmhefte wurden an die Honoratioren des deutschen Wallis verschickt. Unter den 74 Personen des Spiels waren sieben Frauenrollen, die im Gegensatz zur zweiten Aufführung ebenfalls von Männern gespielt wurden. Bortis hielt sich mehr oder weniger an die Geschichte oder was er als historische Ereignisse ansah, nämlich an den Mazzenaufstand gegen die Herren von Raron und die Schlacht von Ulrichen von 1419 gegen die mit ihnen verbündeten Berner, wo Thomas in der Bienen eine entscheidende Rolle spielte.
Der Träger der Hauptrolle soll ein des Lesens unkundiger Bauer gewesen sein, der sich den Text der Rolle von einem Schulknaben habe vorlesen lassen müssen. Ein aufgeklärter, vielleicht auch etwas neidischer oder beleidigter Landsmann trat in einem Zeitungsartikel ziemlich negativ gegen die Volksspiele im Wallis und den Thomas in der Bienen auf.
In einem wortreichen Aufsatz nahm Pfarrer Bortis Stellung zu den Vorwürfen: « . . . Die Zuhörer seien einfache Landsleute gewesen, die Schauspieler blühende Jünglinge, die Theaterdirektoren aber Ortsversteher, gebildete Männer von gutem Ruf, bestrebt, der Jugend ein Fest zu geben und sie weder Zeit noch Geld gespart hätten. Die Bühne sei wirklich prachtvoll gewesen, über ihr hätten die Schlachtfahnen der Väter geweht, auch jene von Ulrichen vom Jahre 1419. 6000 Zuschauer aller Stände seien herbeigeströmt von Berg und Tal, bis von Sitten herauf, Adelige, Domherren und Professoren unter ihnen. Es sei ein Fest gewesen, wie es deren wenige im Wallis gebe. Bei 2000 Fr. Ausgaben und 1200 Fr. Einnahmen sei es auch völlig abwegig zu sagen, man habe aus Geldgier gespielt.»
Auch wenn diese Darstellung etwas rosig gefärbt sein mag, war der Erfolg doch überwältigend. Eine andere Quelle gibt allerdings nicht 6000, sondern 4000 Besucher an, was immer noch eine beachtliche Zahl ist und der Wahrheit näher sein dürfte. Der Idealismus von Theaterleitung und Spielern war gross; noch grösser war er bei der zweiten Aufführung im Jahre 1885.
Man wollte wenn möglich den Erfolg von 1853 noch übertreffen. Die ganze Pfarrei Mörel, zu der auch die Gemeinden Betten, Goppisberg, Greich, Ried-Mörel, Bitsch, Filet und Bister gehörten, machte beim Theater mit. Es war ein herrlicher Aufbruch des Gemeinschaftsgeistes. Die Aufführungen wurden sorgfälltig und von langer Hand vorbereitet. Wir sind darüber gut unterrichtet, da Textbuch, Statuten und Rechnungen aufbewahrt wurden und die Zeitungen und Zeitschriften bis nach Lausanne darüber ausführlich berichteten. Jedes Mitglied musste 3 Fr. Eintritt bezahlen, eventuelle Gewinne oder Verluste sollten gleichmässig unter alle verteilt werden.
Jeder Spieler hatte die notwendigen Kleider auf eigene Kosten anzuschaffen. Alle mussten sich an den enormen Vorbereitungsarbeiten oder am Abbau der Bühne beteiligen. Wer betrunken zu den Proben erschien, wurde bestraft, wer aber sogar bei der Aufführung zu tief ins Glas schaute, haftete für den Schaden. Rechte und Pflichten des Vorstandes und der vielen Chargen bis hinunter zum Lokalreiniger wurden genau umschrieben. Kein geringerer als der bekannte Kunstmaler Raphael Ritz entwarf die wichtigeren Kostüme. Die Kosten wuchsen bedrohlich an. Welch ein Risiko für ein Bergdorf und für ein armes Land, im dem das Geld rar und kostbar war! Mitte Januar begannen für die 96 Spielerinnen und Spieler die Proben. Jeden Dienstag um 19.00 Uhr kamen der 1. und 5. Akt an die Reihe, alle Sonn- und Feiertage die übrigen Aufzüge. Je nach Bedarf schaltete man andere
Tage ein. Die Belastung war gross. Endlich war es soweit. 200 Plakate kündeten im Lande herum
das grosse Ereignis. Nun rückten die Zuschauer an: von Berge und aus den Seitentälern, von Brig, Sitten und Lausanne. Dreimal fuhren Extrazüge, die jeweils 2 Stunden und 25 Minuten brauchten, von Sitten herauf bis Brig und abends wieder zurück.
«Vom keuchenden Renner ausgespien,» schrieb der Walliser Bote, «nahmen auf dem Bahnhof Brig elegante Equipagen, flottespannte Omnibusse und leichtgebaute Brückenwagen mit luftigen Sitzen die Pilger auf, um sie in unabsehbarer Prozession, zu deren Seiten zahlreiche Fussgänger Spalier bildeten, nach dreiviertel Stunden in dem festlich beflaggten Dorfe Mörel abzuladen.» Nach demselben «Walliser Bote» waren es an die 200 Kutschen. Das Dorf fieberte, und das mit Recht. Jetzt galt es zu zeigen, was der Aufwand und die ungeheure Arbeit wert waren. Vor der Bühne spielten die 72 Musikanten der «Saltina» von Brig ihre besten Stücke. Die Aufführung war ein «Evénement» ein patriotisches Fest, das die Herzen höher schlagen liess und an die edelsten Gefühle appellierte. Das Publikum ging mit und als die Briger Musik zum Schluss das «Rufst du,
mein Vaterland» anstimmte, da standen alle wie ein Mann auf und sangen die Landeshymne. Kann es einen grösseren Erfolg für ein Volksspiel geben? Selbst die zurückhaltende «Gazette de Lausanne» war begeistert und widmete dem Schauspiel von Mörel sechs lange Spalten. Bundesrat Cérésole war mit zahlreichen Freunden gekommen und hielt zum Schluss eine Ansprache. Die Abrechung zeigt, dass es sich um 3000 bis 4000 Zuschauer gehandelt haben muss.
Am Schluss blieb ein Einnahmenüberschuss von 95,50 Franken, so dass jedem Spieler je ein Franken ausbezahlt werden konnte. Auf Antreiben des Musikvereins wollten 1910 junge Leute das
Stück in Mörel ein drittes Mal zum Leben erwecken. Die Aufführung kam aber nicht zustande.
Reichhaltige Theatertradition
Seither herrschte in Mörel ein reges Theatertreiben. Stücke aller Art gingen über die Bühne: Ritterdramen, Legendenspiele, Lustspiele, Schwänke, auch Vereinstheater der tragischen Art,
klassische Stücke und Gastspiele. Der schönste Theatertitel lautete: «Ritter Kuno vom Drachenstein, der Geisterseher. Ein ritterliches Trauer-, Schauer- und Geisterspiel.» Der Gesangsverein war immer wieder die treibende Kraft. Aber auch andere Vereine wie die Musikgesellschaft oder der Skiclub traten auf die Bühne. Sehr eifrig waren aber auch der Jünglingsverein und in späteren Jahren die Jungmannschaft. Grosse Verdienste erwarb sich insbesondere Kaplan Josef Albrecht.
Unter seiner Leitung wurden in den 50er Jahren verschiedene heimatliche Stücke aufgeführt, so
unter anderen «Hans-Joggeli, der Erbvetter» und «Anne-Bäbi Jowäger», beides Lustspiele von Jeremias Gotthelf. Eine völlig andere Bühne und Modernität aber brachte die Theaterbegeisterung
von Regisseur Leopold Ritz. Vom Jahre 1963 an wurden unter seiner Leitung meist moderne Stücke gespielt: «Die Freiheit des Gefangenen» von Edzard Schaper, «Die Eroberung der Prinzessin Turandot» von Wolfgang Hildesheimer, «Santa Cruz» von Max Frisch und andere mehr.
Regisseur Ritz, aber auch die Mitglieder der «Amicitia», animierten immer wieder die vorwiegend jungen Schauspielerinnen und Schauspieler zum Mitmachen. Dennoch waren ständige Wechsel im
Spielertrupp an der Tagesordnung.
Alban Albrecht
Bis 1975 aufgeführte Theaterstücke in Mörel
Entnommen aus: Carlen, A: Theatergeschichte des deutschen Wallis.
Rotten-Verlag, 1982